West Highland Way [2] | Drymen – Inversnaid

Technische Daten:
Etappe: Drymen – Inversnaid
Distanz: ~34 km
Zeit: ~9h
Bergauf: 915 m
Bergab: 941 m
Technisch und konditionell hart

Tag zwei unserer West Highland Way Fernwanderung. Dieser Tag stellt leistungstechnisch alle noch kommenden Tage in den Schatten. Wie schon im vorherigen Beitrag geschildert, hatten wir Schwierigkeiten, spontan Unterkünfte zu finden. Folgende Etappen standen also zur Wahl:

  1. Drymen – Balmaha, 12 km, ± 3h
  2. Drymen – Inversnaid, 34 km, ± 9h

Unser Stolz liess Option Nummer eins nicht zu. Nach nur drei Stunden oder sogar weniger würden wir bereits unser Ziel erreicht haben. Ein kleines Dorf, bei mässigem Wetter, ohne viele Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Nummer zwei, bitte! 34 Kilometer klingt nach sehr viel. Und ist es auch! Wir liessen uns von den Worten unser Gastgeberin verleiten, dass es durchaus machbar sei. Lange aber machbar. Letzten Endes haben wir es auch geschafft, aber es war hart. Nachfolgend eine mehr oder weniger detaillierte Schilderung des Tages.

Einstieg in den längsten Wandertag meines Lebens – bis jetzt

Vom verschlafenen Dorf Drymen ging es gegen neun Uhr los in Richtung Balmaha. Hier stieg der Weg zum ersten Mal merklich an. Es ging über Schafweiden, durch Waldstücke und schliesslich auf den ersten kleinen Hügel mit dem Namen Conic Hill. Der nicht einmal 400 Meter hohe Hügel bietet eine super Aussicht auf die umliegende Landschaft und den Loch Lomond, der als schönster See Schottlands gilt und den Wanderer auf einem wesentlichen Teil des Weges begleitet. Zwischen Drymen und Balmaha trafen wir viele anderer Wanderer an und waren überrascht ab dem frühen „Saisonstart“.
Vom Conic Hill runter nach Balmaha durchquert man ein kleines Waldstück mit märchenhaften Bäumen und Pflanzen. Verglichen zu Wäldern in der Schweiz ist hier alles viel grüner. Überall wächst Moos, die Bäume sind bedeckt von Grün. Kein Wunder bei dem vielen Regen. Hier scheinen aus irgendwelchem Grund die Bäume riesig zu sein. Gigantisch wirken sie neben querenden Wanderern, wie Ameisen diese im Vergleich zu den Bäumen.

Nachfolgend noch weitere Bilder zu diesem ersten Etappenteil Drymen – Balmaha:

Kaffee und viele Telefonate in Balmaha

Balmaha selbst ist ein süsses, winziges Dorf direkt am Loch Lomond. Es ist u.a. Start für Tagesausflüge in den Nationalpark („loch lomond & the trossachs national park“) und auf den Conic Hill. Als wir den Parkplatz vor dem Touristenbüro überquerten, fragte uns eine Frau in schottischem Akzent, in welche Richtung denn der Conic Hill liegt. Irgendwie verkehrt, oder nicht?
In Balmaha setzten wir uns in ein kleines, gemütliches Café. Bei Kaffee und Gebäck planten wir die restlichen Etappen bis nach Fort William und telefonierten wie die Wilden. Nach etlichen Telefonaten und wiederholtem Vorlesen der Kreditkartendaten bei gleichzeitig schwindenden Nerven war es vollbracht. Wir würden für alle kommenden Nächte ein Dach über dem Kopf haben.
Inzwischen war schon viel Zeit vergangen und wir mussten noch Einkäufe erledigen. Auch unsere Energiespeicher wollten noch aufgefüllt werden, bevor wir die restlichen 22 Kilometer in Angriff nahmen.

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Ich dachte bisher immer, diese schönen Muster im Kaffee gibt es nur in Filmen oder in exklusiven Läden

Höllentour oder weniger dramatisch: 22 anstrengende Kilometer von Balmaha nach Inversnaid

Kurz vorweg: Von diesem langen Etappenabschnitt gibt es fast keine Bilder. Das lag zum einen an meiner Freundin, die den Rhythmus nicht immer unterbrechen wollte. Zum anderen war ich am Schluss auch gar nicht mehr in der Stimmung dazu.

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Die wird doch wohl warten?

Erst nach zwei Uhr machten wir uns wieder auf den Weg, mit dem Wissen, dass wir wohl frühestens um acht Uhr abends unser Ziel erreichen würden. Bei stetig schlechter werdendem Wetter führte uns der Weg dem See entlang. Manchmal nahe der flachen Strasse, manchmal auf einen Hügel rechts davon, nur um dann wieder runter zur Strasse zu führen. Inzwischen regnete es durchgehend. Schottland, eben. Die letzten paar Kilometer vor Rowerdannen ging mir dann die Puste aus. Ich schleppte mich nur noch widerwilig voran. Die Motivation war weg und ich fühlte mich schwer. Meine Freundin indessen war noch fit und trieb mich an. Das Gelände war technisch kein Problem, aber es ging ständig auf und ab. Kleine Hügel und ständig das Gefühl, bald die Häuser des Zwischenziels zu sehen. In Rowerdannen angekommen war ich ziemlich am Ende. Aber wir hatten keine Möglichkeit, um die letzten zeh Kilometer zu vermeiden oder abzukürzen. Für das „Seetaxi“ war es bereits zu spät und zwischen Rowerdannen und Inversnaid – unserem Ziel – verlief keine Strasse. Im Nachhinein betrachtet hätten wir wohl im Hostel fragen können, ob es nicht doch eine Möglichkeit zum Übernachten gibt. Das kam uns da aber nicht in den Sinn.

Nach einer Pause nahmen wir schliesslich die letzten 10 Kilometer in Angriff. Als wäre das Ganze nicht auch so schon fordernd genug, wählten wir aus Versehen bei einer Abzweigung die falsche Route. Falsch im Sinne von „deutlich strenger“. Statt auf einer gut ausgebauten Forstrasse etwas erhöht dem See entlang zu laufen, gingen wir direkt am Seeufer entlag. Hier passt sich der Weg der Natur an und nicht umgekehrt. Wiederum ständiges rauf und runter. Nur dieses Mal steiler, mit Steinen, Wurzeln und zu überquerenden Bächen. Wir kamen sehr, sehr langsam voran. Wir merkten es und konnten es an meiner GPS-fähigen Uhr ablesen. Man konnte fast meinen, die Uhr funktioniere nicht richtig. Wir hofften, die heiklen Passagen noch vor Einbruch der Dunkelheit hinter uns gelassen zu haben. Nasse Wurzeln und Steine bei schlechtem Licht schaffen ideale Voraussetzungen für eine Verletzung. Wir schafften es nicht ganz. Aber es war knapp. Kurz vor neun Uhr, mit Taschenlampe den Weg weisend, sahen wir die Lichter des Hotels vor uns. Wenige Minuten später kamen wir in Inversnaid an. Was für ein Moment! Ich fühlte mich wie in einem Film, einem sehr abenteuerlichen Film. Übrigens, auf der Strecke zwischen Rowerdannen und Inversnaid waren wir ganz allein. Niemand sonst war zu dieser Zeit und bei diesem Wetter noch unterwegs.

Sieht so das Paradies aus?

Wir riefen das Hostel an und nach fünf Minuten sassen wir im Wagen eines Mitarbeiters, der uns in das etwas abgelegene Hostel brachte. Als wäre der Tag nicht schon schlimm genug gewesen, teilte uns der Mitarbeiter mit, dass es nach neun kein Abendessen mehr gibt. Es war fünf nach neun. Ach du verdammte Sch*****.

Wir begnügten uns mit einer Nudelsuppe, aufbereitet mit Wasser aus dem Teekocher. Dazu assen wir Pumpernickel und Käse. Kein gutes Abendessen nach einem solchen Tag, aber es half. Nach einer heissen Dusche und mit mehr oder weniger vollem Magen machten wir uns daran, unsere Kleider zu trocknen und alles für den kommenden Tag vorzubereiten. Dann legten wir uns ins Bett, lasen noch ein klein wenig und holten uns bald schon den wohlverdienten Schlaf.

Auch an diesem Tag haben wir beide wieder einiges gelernt:

  1. Wanderschuhe mit GoreTex halten zwar das Wasser draussen, weichen aber die Füsse im Schuh viel mehr auf als Volllederschuhe ohne GoreTex. Meine Freundin hatte einen halbhohen Volllederschuh von Meindl. Ihre Füsse sahen am Ende des Tages deutlich gesünder aus und blieben trotzdem grösstenteils trocken.
  2. Einen speziellen Auslandstarif für das Mobiltelefon zu lösen lohnt sich. Die verschiedenen Telefonate während der Zeit in Schottland haben mich gute 50 Schweizer Franken gekostet. Meine Faulheit war Schuld. Nur nicht vergessen, den Tarif wieder abzumelden. Bei Salt zumindest (formerly known as „Orange“) verlängert sich das Zusatzabo automatisch.
  3. Auch gute Regenjacken halten nicht ewig. Am Ende des Tages waren unsere Oberkörper durchnässt. Ob das Wasser von aussen reinkam (an Stellen mit hohem Druck wie z.B. den Schultern vom Rucksack) oder ob es sich dabei um Schweiss bzw. Kondensationswasser handelte, wissen wir nicht.
  4. Das wohl Wichtigste: Wir sind in der Lage, 34 Kilometer am Stück zu wandern, viele Höhenmeter und schweres Gepäck mit eingeschlossen.

2 Gedanken zu “West Highland Way [2] | Drymen – Inversnaid

    1. Mal so, mal so. Wir hatten eigentlich immer Notfallproviant in Form von „Energieriegeln“ mit dabei. Morgens gabs immer was beim B&B/Hostel/Hotel, mittags hatten wir teilweise Brot und Käse mit dabei oder gingen in ein Pub oder dergleichen auf dem Weg. Abendessen war dann jeweils wieder bereitgestellt oder wir kochten uns selber was mit Essen aus dem Supermarkt. Schwieriger wird es eigentlich erst dann, wenn man mit dem Zelt unterwegs ist und mittendrin, also ausserhalb der Zivilisation, halt macht.
      Gruss,
      Dimitri

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